Tortenorte

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Wenn man mich fragt, hat Lebensmittelfarbe in Kuchen nichts verloren. Das Kapitel in dem pastellfarbene Kronen aus harmonieversprühender Buttercreme auf teetassengroßen Rührküchlein platziert werden fehlt in meinem Backkodex.

Bisher konnte ich ihn einfach nicht finden den tiefer gehenden Sinn in all den glücksbärchifarbenen Küchlein, die sich derzeit allerorts tummeln. Bis ich auf meiner just beendeten Urlaubsreise diesem Regenbogenkuchen begegnet bin.

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Dieser Kuchen ist einer von vielen Kuchen seiner Art, mit dem sich lesbische und schwule Paare in Minnesota/USA seit dem 1. August 2013* ihre lang ersehnte Hochzeit versüßen können. Ein Kuchen mit Statur, zu dem ich der künstlichen Tönung zum Trotz von ganzem Herzen Farbe bekenne, weil er feiert was sich gefeiert gehört und weil er zeigt, dass auch mit Kuchen Politik gemacht werden kann!

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Entdeckt habe ich dieses farbenfrohe Gleichheitsstatement in der Angel Food Bakery and Coffee Bar in Downtown Minneapolis, in der es für meinen Geschmack kuchentechnisch etwas zu bunt zugeht, wo man aber auch köstliche Gebäckstücke erwerben kann, die nicht in den Farbeimer gefallen sind. Sollte jemand zufällig einmal ins Herz der Vereinigten Staaten reisen, dem empfehle ich in dieser schrullig-schönen Atmosphäre bei einem Espresso das Backtreiben zu beobachten.

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* Im Mai 2013 hat die Legislative Minnesotas ein Gesetz verabschiedet, welches festlegt, dass eine Ehe auch zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern geschlossen werden darf.

Mein vorösterlicher Weg führte mich nach Florenz. Zurecht rühmt sich die Stadt mit Großmeistern wie Dante und da Vinci und all das ist äußerst sehenswert. Aber auch Kuchen ist eine Kunst und nur die hatte ich im Sinn. Vorweg muss ich sagen, dass ich die Italiener der Kuchenkunst eher wenig kundig wähnte. Das liegt sicher nicht unwesentlich an mir, denn ich bin vorher noch nie in Italien gewesen. Vermutlich liegt es aber auch daran, dass Italien mit fluffigem Tiramisù, cremiger Panna Cotta und knusprigen Cannoli schon die Dessertexportschlagerobergrenze erreicht hat und man für italienischen Kuchen tatsächlich nach Italien fahren muss.

Florenz-Panorama

Firenze

Statt mich im süßen Nichtstun zu verlieren, habe ich also der florentinischen Version italienischen Kuchens nachgestellt und dazu die Essgewohnheiten der Einheimischen beäugt. Italiener sind keine Zuhausefrühstücker. Sie kredenzen sich an der Bar einen Espresso oder Cappuccino, tauschen sich mit dem Barista oder Mitespressotrinker ihres Vertrauens aus und nehmen dazu ein Stück Gebäck auf die Hand. In der Regel handelt es sich um cremegefüllte Cornettos oder Brioches, eine Art italienisches Croissant, das an dieser Stelle aber nicht interessiert. Zu meinem Entzücken durfte ich nämlich feststellen, dass auch Kuchen gefrühstückt wird. Der Handlichkeit wegen im Miniformat, ab und an sichtet man aber auch ein ausgewachsenes Exemplar. Die süßen Küchlein heißen Budino di Riso, Ricotina, Crostata oder Torta della Nonna. Allen Varianten ist ein Schutzwall aus Mürbeteig gemein, der wahlweise Reispudding, Ricottacreme, Marmelade oder Crema mit Pinienkernhaube in seine Schranken weist. Die Kleinen sind allesamt erleuchtend-cremig, allen voran das Budino di Riso. Dank der Kreuzung aus Tarte und Milchreis schließt das gewähnte Kuchenniemandsland Italien dicht an Frankreich auf!

Die Einnahme von Budino di Riso und Ricotina empfehle ich im Gran Caffè San Marco. Es ist nicht nur eines der ältesten Kaffeehäuser der Stadt, es hat auch das italienischste Flair, die schönste Kaffeemaschine und die schönsten Kaffeemaschinenbediener.

Die Crostata habe ich im Mercato Centrale aufgelesen,…

Crostata

…die Torta della Nonna im Dolci & Dolcezze (ein hinreißender Ort)…

Florenz-Dolci-dolcezzeFlorenz-Dolcezze Kuchenplatten

….und weil ich ja schließlich nicht zum Nichtstun in Florenz war, gab’s im I Dolci di Patrizio Cosi noch ein Millefoglie Glassato al Pistacchio.

Schokolade, Schokolade, Schokolade. Überall Schokolade! Nichts gegen Schokolade, aber braucht denn niemand in Brüssel ein ordentliches Stück Kuchen? Dabei meine ich weder regenbogenfarbene Cupcakes noch überzüchtete Luxustörtchen, sondern lediglich ein feines belgisches Stück Kuchen aus einer kleinen heimischen Patisserie!

Dass das ach so findige Internet für ortsunkundige Kuchenanbeterinnen wie mich vor Abreise keine überzeugenden Backorte hat ausfindig machen können, überraschte mich zunächst nicht. Aber auch vor Ort musste ich feststellen, dass die Intransparenz der Brüsseler Kuchenszene der Undurchsichtigkeit der ebenfalls dort beheimateten Europäischen Union bedauerlicherweise in nichts nachsteht! Fast hätte ich gemeint, die Brüsseler wollten nicht teilen. Ihren Kuchen für sich behalten! Aber glücklicherweise konnte ich gegen die Brüsseler Kuchengeiztheorie wenigstens einen Gegenbeweis aufspüren: CHARLI!

Charlis Backstube ist im wahrsten Sinne des Wortes transparent. Die Kuchen sind ehrlich und aromatisch:

Die opulente Brüsseler Schokolade ist in der Karamelltarte bestens aufgehoben,…
…in buttrigen Mürbeteigmänteln blühen frische Feigen…
…und die vergnügten Backstubendiener geben ihre Gebäckstücke willfährig (wenn auch gegen Bares) preis!

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